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Projektskizze
Bei der Wahl vor sieben Jahren war eine der Lehrerinnen noch zu jung um wählen zu dürfen; eine wählte volksevangelisch, zwei wählten sozialdemokratisch.
Vor drei Jahren war eine der Lehrerinnen stimmabstinent, eine wählte volksevangelisch, zwei wählten sozialdemokratisch.
Die fünfte Lehrerin ist nicht da, sie ist abwesend, sie ist im Sabbatical.
Die erste Lehrerin braucht zehntausend Franken. Sie will Reisen unternehmen. Sie hat schon Reisen unternommen. Sie war in Bolivien und Peru und Ecuador. Sie war auch in Brasilien. Auf dem Weg von Cobija nach Cuzco machte der Bus in einem Ort namens Xapur halt, allerdings nur für drei Stunden. Deshalb sagt die erste Lehrerin: Ich war zwar in Brasilien, aber nur drei Stunden.
Die nächste Reise soll nach Asien gehen.
Sie arbeitet seit fünf Monaten in dieser Schule. Bis jetzt hat sie siebentausend. Das macht nach dem Dreisatz tausendvierhundert im Monat, macht sechzehntausendachthundert in einem Jahr. Sehr gut. Sie ist im Fahrplan. Aber sie hat Schulden von der letzten Reise. Und wer weiss, was noch dazwischen kommen wird bis zum Ende des Jahres, für das sie sich verpflichtet hat.
Die zweite Lehrerin hat zur fünften Lehrerin gesagt: Gönne dir ein Sabbatical! Fahr nach Schottland Torfstechen, bezwinge die Flüsse Kanadas in einem Einbaum, lerne imkern, tünche die Wohnung neu, und ergehe dich unbedingt in einsamen und ausgedehnten Spaziergängen!
Der fünften Lehrerin ging es in der letzten Zeit nicht so gut.
Die dritte Lehrerin hat zur fünften Lehrerin gesagt: Ich kenne das. Man fühlt sich leer wie eine ausgekratzte Pfanne. Aber da musst du durch. Die Kinder brauchen dich jetzt. Wenn du aussetzt, bringt dies Unruhe ins Kollegium. Glaube und vertraue mir, ich bin erfahren.
Das stimmt, erfahren ist sie wirklich. Sie ist seit immer Lehrerin, seit jeher an dieser Schule.
Die Schule liegt am Hang. Steht man auf dem Pausenplatz, sieht man weit herum ins Land. Das Land geht in Ordnung. Es wirft genug zum Fressen ab. Wenn man fleissig melkt, sondert's auch süsse Tröpfchen Heimat ab.
Die vierte Lehrerin ist sehr fahl zwischen Stirn und Kinn, kalkweiss und beinahe unsichtbar. Sprechen jedoch hört man sie deutlich; allerdings nicht nur über Stoffliches, wie dies gewünscht würde, sondern auch über Feinstoffliches, und wie dem Unbenennbaren in der modernen Pädagogik zu seinem Recht verholfen werden könne. Das mögen die andern Lehrerinnen nicht. Die vierte Lehrerin besucht häufig Kurse.
Bis in den Spätsommer hinein ist alles ruhig, dann schreibt das Schulamt: Wir schicken euch einen Mazedonier. Damit ihr auch einen habt. Der Knabe sagt, er sei zwölf. Er hat keine Papiere. Er hat Haare an den Wangen und in den Achselhöhlen. Er schwitzt schon wie ein Mann. Der halbbärtige Mazedonier in der sechsten Klasse, unter den halbmilchigen Kindern, gibt ein seltsames Bild ab. Er wird in die siebente versetzt, damit das Bild nicht so seltsam sei. Aber in der siebenten kommt er nicht mit. Wieder in die sechste. Was wirklich blöd aussieht. Der Mazedonier ist in jenem Alter, in dem die Buben beginnen, den Lehrerinnen gefährlich zu werden. Kommt dazu, dass er schlechte Manieren hat.
Dramaturgie und Regiekonzept
Die Zeit als dramaturgisches Element interessiert uns. Wir haben uns damit bereits anlässlich unserer Oedipus-Bearbeitung auseinander gesetzt.
Die These ist: Der grösste Anspruch an das Theater ist heutzutage, dass es abendfüllend sei. Das Stück "Vier Frauen" wird nur fünfzig Minuten dauern. Es wird in jenem Moment zu Ende sein, in dem sich der Zuschauer mit der dramatischen Struktur abgefunden hat; in jenem Augenblick, wo er für die Charaktere der Figuren Konsequenzen erwartet. Es wird jedoch keine Charaktere und keine Figuren geben. Es gibt lediglich Umrisse und Stimmen, die Musik sein sollen.
Die Struktur folge der beengten Struktur der schulischen Singspiele. Schlaghölzer müssen eine wichtige Rolle spielen, ebenso das Tambourin. Allerdings nicht jenes mit den Schellen im Rahmen. Das wäre den Lehrerinnen doch zu laut und scheppernd. Die Stimmen sollen schliesslich noch verstanden werden. Immer wunderbar sind Xylophone, geschlagen nur mit Filz besetzten Schlegeln, nie mit metallenen. Das wäre den Lehrerinnen zu laut und zu scheppernd. Dem chorischen wird gegenüber dem dialogischen Sprechen hier der Vorzug gegeben.
Die Atmosphäre auf der Bühne soll sein, als sei sie von Gestecken aus Trockenblumen und Geschichten des Jugendschriftenwerks geprägt.
Jenes Mazedonien, aus dem das Kind im Stück "Vier Frauen" stammt, hat nichts zu tun mit dem Mazedonien auf der Landkarte, auch nichts mit dem wirklichen Mazedonien, wie es im südlichen Balkan aufzufinden ist, jedoch viel mit dem Mazedonien in unseren Köpfen. Es ist in diesem Sinne ein Modell.
Für 400asa
Lukas Bärfuss
Februar 2000
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